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Naher Osten: Das Imperium will nicht weichen



Mehrere nahöstliche Staaten sind in Umwälzung begriffen. Neue Kräfte und äussere Einwirkungen haben das alte System erschűttert, sind jedoch zu schwach, es zu stűrzen. Die Welt schaut zu, ziemlich ratlos.

Griechenland

Es mag űberraschen, dass wir Griechenland hier als zum Nahen Osten gehörig betrachten. Aber das Problem Griechenlands besteht ja darin, dass die Troika von den Hellenen verlangt, sie sollten europäisch agieren, während ihre Sitten, ihre governance und ihre Wirtschaft orientalisch sind. Schon die alten Obristen – Papadopoulos, Pattakos und Makarezos – hatten versucht, Hellas zu „enttűrken“, ein oberflächliches und lächerliches Unterfangen. „Ein Grieche ist ein Tűrke, der glaubt, er sei Italiener“, lautet ein nahöstlicher Scherz.

Dem zweimaligen Wahlerfolg der „radikalen“ Linken SYRIZA (die Stalinisten der KKE sind weit radikaler) ist es bislang nicht gelungen, das alte orientalische System zu stűrzen. Dabei hatten viele in Berlin und Brűssel gehofft, Alex Tsipras wűrde siegen und seine unverschämten Forderungen wiederholen, damit man mit einem Seufzer die Zahlungen endlich einstellen könnte.

Schade, an drei Prozent scheiterte er und das alte System kehrte an die Macht zurűck. Als erstes verlangt es mehr Zeit, um Reformen weiter aufschieben und verhindern zu können, während die Troika die Schulden bedient und die Klientel der Regierungsparteien im Staatsdienst Gehälter bezieht und wie bisher Widerstand gegen die Reformen leistet.

Schade, Tsipras wäre ein schöner tragischer Held geworden, ein echt griechischer Held, der mit dem (westlichen) Teufel auf der Tenne kämpft, verliert, und nachdem er seinem Volk die verhasste Drachme gebracht hat, sich in sein Schwert stűrzt (oder gestűrzt wird). Ein griechischer Mossadegh, ein Zapata, ein Sadat.

Nun wird man ein paar Monate lang das absurde Schauspiel geniessen, wie ein orientalisches System sich selbst zu europäisieren (also zu entleiben) versucht, ein Balanceakt űber einem Abgrund, in dem die Drachme lauert. Nach dem zu erwartenden Fiasko wird es wieder Wahlen geben und Tsipras tritt erneut an, nun wirklich zum Kampf mit den fremden Teufeln.

Syrien

Kriegsforscher glauben, herausgefunden zu haben, dass Bűrgerkriege gewöhnlich “aussterben”, wenn ein Drittel der Bevölkerung tot ist. Im Dreissigjährigen Krieg Deutschlands waren am Ende freilich zwei Drittel tot (von 18 auf 6 Millionen reduziert) und der Rest vegetierte in erbärmlicher Armut.

Kein Wunder, dass die Welt dem syrischen Bűrgerkrieg alarmiert zuschaut. Unter Arabern gelten die Syrer, wie die Iraker, als „tough“. Mit ihnen scherzt man nicht. Demgemäss sind die wenigen glaubhaften Nachrichten aus Syrien grauenvoll.

Die Vereinten Nationen, die Arabische Liga und der Westen beműhen sich, Präsident Bashar al-Assad zur Rűcktritt zu bewegen. Man bietet ihm Asyl an und Straflosigkeit. Aber warum geht der „sanfte“ Bashar, der Liebling der Frauen, nicht darauf ein?

Ganz einfach: er darf nicht. Er ist der Chef der Alawiten, einer Sekte, deren Kult geheim und wohl eher christlich und animistisch als islamisch geprägt ist. Ähnlich wie die Juden, die Baha’i in Iran und die Christen in fast allen islamischen Ländern blicken die Alawiten (Alevi in der Tűrkei) auf eine lange Geschichte der Verfolgung zurűck. Das steigert den Zusammenhalt und schärft den Machtinstinkt.

Syriens Bűrgerkrieg weckt Erinnerungen an einen ähnlichen Krieg in einem ganz anderen Land: Rwanda. Auch dort herrschte eine Minderheit — die langbeinigen Tutsi (frűher Watussi genannt) — űber die vergleichsweise kurzbeinigen Hutu. Der schwelende Hass entlud sich eines schrecklichen Tages in dem Versuch der Hutu, möglichst alle Tutsi umzubringen. Das Morden war grauenvoll, doch genűgend Tutsi entkamen dem Massaker, um nach wenigen Jahren neu gerűstet und intelligent gefűhrt, zurűckzukehren und die Hutu erneut zu unterjochen. Millionen Hutu flohen in die Nachbarländer, vor allem nach Kongo, verfolgt von Tutsi-Schwadronen. Viele kamen um, andere blieben im Exil, einige gingen zurűck und wurden vor Gericht gestellt. Heute ist Rwanda, wieder beherrscht von der Minderheit, erneut anerkanntes Mitglied der Völkerfamilie.

Was sagt das űber Syrien? Vierzig Jahre lang wurde das Land von den Alawiten unter Fűhrung der Assad-Sippe beherrscht. Nun begehrt die sunnitische Mehrheit auf. Bashar kann nicht zurűcktreten, denn er fűrchtet die Rache der Mehrheit an seinen Alawiten fűr vier Jahrzehnte Bevormundung und Unterdrűckung.

Vierzig Jahre, die gar nicht so űbel waren. Es reichte schon, vor einem Jahrzehnt aus dem verkommenen, zerfallenden Kairo nach Damaskus zu reisen, um űber die Wohlhabenheit und Sauberkeit der syrischen Hauptstadt zu staunen. Die Assads waren bestens in die arabische Welt integriert. Ihr Land profitierte von Investitionen der Golfstaaten, von Erdöl-Pipelines, von ein wenig eigenem Öl, und von der Grabesruhe einer modernen Diktatur, die selbst den in Syrien angesiedelten internationalen Organisationen bis Mitte der neunziger Jahre den Anschluss ans Internet verweigerte.

Während die USA Syrien ähnlich wie Kuba zu isolieren versuchten und schlechte Wirtschaftsnachrichten streuten, erlebte Syrien einen erstaunlichen Bauboom, den man entlang der Hauptstrasse Damaskus-Aleppo besichtigen konnte. Vielleicht waren die Wachstumsraten bescheiden, doch man muss sie vor dem Hintergrund einer der damals weltweit höchsten Wachstumsraten der Bevölkerung sehen, die Syrien zwar nicht ins Elend stűrzte, ihm jedoch nun Millionen unruhiger und um ihre Existenz kämpfender junger Männer beschert hat.

Kein Wunder, dass die unternehmerische, kaufmännische Mittelschicht der Städte egal welcher Religion mehrheitlich Assad unterstűtzt. Hinter ihm stehen auch die Minderheiten, beispielsweise die Kurden, die Drusen und Christen, denen vor einem monolithisch arabisch-sunnitischen Regime graut, egal wie laizistisch sich die Oppositionsgruppen jetzt gebärden. Einen guten Ruf hat Bashar Assad im benachbarten Irak, weil er hunderttausenden von Flűchtlingen der Kriegsjahre, meist Sunniten, ohne langes Fragen Unterschlupf gewährte.

Von Europa aus betrachtet sehen die Assads wie Monster aus; in der nahöstlichen Perspektive sind sie nur ein Glied einer Kette ähnlicher Diktatoren, die den fruchtbaren Halbmond regierten und weiterhin regieren. In Syrien waren es Namen wie Adib Shishakli, im Irak Karim Kassem, Abdulsalam Aref und Saddam Hussein, in Jordanien die hashemitischen Könige, in Arabien die Sippe Saud, die dem Land sogar ihren Namen aufzwang.

In Folge des Bűrgerkriegs ist die Wirtschaft abgestűrzt, lokal werden Hungersnöte gemeldet, die dem Regime angekreidet werden. Selbst wenn es der Opposition gelänge, weite Teile Syriens und Damaskus einzunehmen, so bedeutet das keineswegs das Ende Bashar Assads. Der hat angekűndigt, dass er sich in das vornehmlich alawitisch besiedelte Kűstengebirge zwischen Homs, Hama, Aleppo und der Hafenstadt Latakia zurűckziehen werde. Die Zahl der Alawiten ist nicht bekannt. Man schätzt sie auf eine bis vier Millionen. Jedenfalls erscheinen sie stark genug, um aus Syrien notfalls ihren eigenen Staat herauszuschneiden und sich mit Hilfe ihrer Glaubensgenossen in der Tűrkei und im Libanon gegen eine neue Zentralgewalt zu behaupten.

Selbst nach einem Sieg der Aufständischen wäre also analog Rwanda eine spätere Rűckkehr der Alawiten an die Macht unter einem neuen Anfűhrer keineswegs auszuschliessen. Den Willen zur Macht haben sie jedenfalls bewiesen, und die Mittel dazu haben sie auch. Was immer geschieht: dass Syrien eine Demokratie westlichen Musters wird, scheint wenig wahrscheinlich.

Ägypten

Ägypten hat seinen ersten Präsidenten gewählt. Demokratie nach 58 Jahren Militärdiktatur, möchte man erleichtert meinen. Doch in Ägyptens Politik ist nichts einfach. Auch diesmal nicht. Nach einem wirren Interregnum soll das Militär die Macht am Ende dieses Monats an den Präsidenten űbergeben. Ob das geschehen wird?

Da der neue Präsident Mohammed Morsi heisst, haben die Moslembrűder eine letzte Chance bekommen, die vor 15 Monaten begonnene Revolution zu retten. Ein vom Militär ungeliebter aber tolerierter Präsident wird, zunächst ohne Parlament, das Land mit Hilfe der Streitkräfte regieren. Eine Demokratur? Praktisch wird Morsi wenig zu sagen haben; er ist ein Symbol dafűr, dass das Militär jedoch den Wählerwillen respektiert.

Praktisch gesehen, geht Ägypten den Weg Algeriens, das 1991 den űberraschenden Wahlsieg der fundamentalistischen FIS-Partei erlebte. Das Militär anullierte die Wahl und verbot den FIS, weil es mit Schrecken erkannte, dass jede freie Wahl in eine Theokratie iranischen Musters fűhren wűrde. Jahre eines schleichenden Bűrgerkriegs folgten, die hunderttausend Todesopfer forderten, bevor sich die Lage beruhigte. Reformen wurden durchgefűhrt. Im Mai 2012 fanden Wahlen statt, bei denen die Islamisten keine besondere Rolle spielten.

Zwanzig Jahre und einen Bűrgerkrieg brauchte Algerien, ein potentiell reiches Land dank seiner Erdöl- und Erdgas-Ausfuhren, um den Islamismus der frommen und ungebildeten Bevölkerungsschichten zu űberwinden. Im benachbarten Tunesien brodelt der Konflikt zwischen Islamisten, Fundamentalisten und Laizisten noch unentschieden.

In Ägypten wűrde jede freie Wahl wieder eine Koalition von Islamisten und Salafisten an die Macht bringen, wie die annullierte letzte Wahl bewies. Will das Militär das Erbe von sechs Jahrzehnten seiner Herrschaft plus einem weiteren Jahrhundert eher laizistischer Monarchie bewahren, dann muss es die islamistischen Parteien von der Wahl ausschliessen, weil sie – wie das Verfassungsgericht feststellte – wegen ihrer religiösen Orientierung verfassungswidrig sind. Kurioserweise ist Präsident Morsi Mitglied einer verfassungswidrigen Partei. Er kann zwar das Land regieren mit dem Militär, mit dem Rűckhalt bei der grossen Mehrzahl seiner Wähler, aber ohne Partei.

Ägypten ist also zwischen einem frommen Volk und einer säkulären Verfassung gefangen. Ein derzeit unlösbarer Konflikt, es sei denn, die Verfassung wűrde geändert. Ägypten ist nicht reich wie Algerien. Die Wahrscheinlichkeit, dass die frommen und ungebildeten Mehrheiten bald zum aufgeklärten Laizismus finden, ist gering. Andererseits werden das Militär, die Minderheiten – vor allem die zehn Prozent koptischen Christen – und die säkular eingestellte Jugend des Tahrir-Platzes keine sunnitische Theokratie akzeptieren.

Die Chance, dass Ägypten eine wirklich repräsentative Demokratie erhält, ist gering. Das Militär glaubt, dass das Volk noch einige Jahrzehnte lang erzogen werden muss, bevor man ihm die Macht mehr als symbolisch űberlassen kann.

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—— Ihsan al-Tawil